Wer war das eigentlich – dieser Jesus? Ein Roman gegen das Vergessen: Vom Jesus gleich nebenan. Und vom Ursprung des Christentums

Dieses ganz und gar wunderbare Buch zieht einen nach und nach so in seinen Bann, dass viele es gar mehrfach lesen werden. Notker Wolf hat sich hier etwas vorgenommen, was viele für unmöglich hielten; auch er bezeichnet es als ‘Experiment’.

Er ist weit in der Welt herum gekommen ist, kann nicht blind werden dafür, wie viele Menschen kirchenfremd werden, die Kirche verlassen und sich höchstens auf deren soziale Funktion beziehen – ohne auch nur überhaupt zu wissen, worauf sich das alles eigentlich gründet. Ich selbst, die sich immer wieder wehrt gegen Bibel-Verschnitte, misstrauisch ist angesichts neuer Bibelübersetzungen, in denen nicht nur einzelne Vokabeln sozusagen ‘modernisiert’ werden, sondern auch der Sinn oft verzerrt wird – mich hat dieses ‘Experiment’ restlos überzeugt.-

Um was geht es? Gerade ist Weihnachten vorbei, in allen Kirchen wird das Lukas-Evangelium mit dem Kind in der Krippe vorgelesen – , folgen wird am 29. März der Karfreitag, Ostersonntag ist am 1. April. Befragt man auf der wahllos Leute auf der Straße, wissen die meisten wenigstens bei ‘Weihnachten’, worum es sich in etwa handelt, aber bei den Feiertagen im März und April wissen erstaunlich viele nicht, welche Gedenktage hier begangen werden, und bei Pfingsten, mit dem die Pfingstferien verbunden sind – sieht es überhaupt ganz düster aus.  – obgleich sehr viele noch in der Schule Religionsunterricht hatten, und entweder zu Kommunion gegangen sind, oder konfirmiert wurden. Das ist aber nur die ‘fromme,’ auf die Kirchen bezogene Seite, mit der Folge freier Tage…  – Aber wenn man weiter danach fragt, welche ‘Nebenwirkungen’ dieses Christentum eigentlich habe, nämlich dass auf der Grundlage des Christentums sich unser Abendland in 2000 Jahren (zugegeben mal mehr oder mal weniger christlich) entwickelt hat – – das wird das Vorstellungsvermögen der meisten übersteigen. In den überwiegenden Haushalten wird es – irgendwo und ungelesen – auch eine Bibel geben: Schlägt man sie auf: eine Bleiwüste, kaum und nur mühsam zu durchqueren.

 

Und wie das Experiment von Notker Wolf gelungen ist! Was er versucht hat, erklärt er so:: „Ein Versuch. Ein dreifacher Versuch sogar. Erstens nämlich der Versuch, eine allgemein verständliche Sprache und Darstellungsform für die historischen Bücher des Neuen Testamentes zu finden. Zweitens der Versuch, die vier Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes in einem einzigen Evangelium aufgehen zu lassen. Und drittens der Versuch, dieses Evangelium mit der Apostelgeschichte zu einer durchlaufenden großen Erzählung vom Ursprung des Christentums zu verbinden.

“Das Leben Jesu Christi nachzuzeichnen, ohne jede Frömmelei als einfachen Bericht, aus den vier Evangelien zusammengefasst – ein Jesus wie von Nebenan, zum Anfassen. (Nur scheinbar einfach) wird  von der ersten bis zur letzten Seite mehr als spannend über eine höchst bemerkenswerte Personund eine aufregende Zeit  berichtet, angefangen mit  deren recht aussergewöhnlichen Vorgeschichte.

Alles beginnt nämlich, fast wie ein altes Märchen,  mit dem ziemlich älteren Ehepaar Zacharias und Elisabet, die zur Zeit des Herodes lebten und sich nichts sehnlicher gewünscht hatten als ein Kind. Sie waren beide fromm und gut gegen Jedermann; Zacharias ging seiner Arbeit im Tempel nach, der gerade vergrößert wurde – er war ganz vertieft in seine Arbeit, als sich ihm von der rechten Seite des Altars eine Gestalt  näherte und mit dem berühmten “Fürchte Dich nicht” sich als als Erzengel Gabriel herausstellte, der ihm verkündete, seine Frau werde einen Sohn gebären, der Johannes heißen solle – und Sie werden es ahnen: Es wird der spätere Johannes der Täufer sein. Zacharias aber, weil er die Ankündigung des Engels verblüfft bezweifelte, wurde zur Strafe sofort mit Stummheit geschlagen… Natürlich war Elisabet überglücklich wegen ihres nun dennoch endlich  erhörten Gebetes …

Aber nicht genug damit: Während Zacharias und Elisabet nun schon sechs Monate  ihrem Alltag erwartungsvoll nachgehen, tritt der Erzengel Gabriel wieder in Aktion: Diesmal besucht er eine Jungfrau namens Maria, die in einem unbedeutenden Weiler Nazaret im Hügelland von Galiläa wohnte: “Fürchte Dich nicht!” – Aber was er Maria nun verkündete, würde sie eher verstören: Ausgerechnet sie sollte ebenfalls einen Sohn bekommen, obwohl sie erst verlobt war mit Josef… Aber der Erzengel Gabriel erzählte ihr auch von Elisabet, bei er er ja ebenfalls gewesen war, und Maria begab sich zuerst zu dieser Schicksalsgenossin , um erstmal mit sich selbst ins Reine zu kommen, bevor sie alles mit Josef zu besprechen wagte. Aber diesem erschien im Traum  ebenfalls ein Engel, der ihn aufforderte, Maria sofort zu heiraten, statt, wie er im ersten Schrecken geplant hatte, die Verlobung aufzulösen.  Natürlich wird das in diesem Jesus-Buch viel schöner erzählt, als ich es hier wiedergebe: Aber vielleicht ahnen Sie schon, dass man es unweigerlich weiterlesen wird, weil man hineingezogen wird in diese 2000 Jahre alte Geschichte.

Ein Buch überwiegend für Jugendliche, wie manche Rezensenten es einordnen? Ich meine, es gibt hier keine Altersbeschränkung nach oben. Und gerade, weil Notker  Wolf es nicht ‘entmythologisiert’ erzählt, wird es manchem überaus vertraut und selbstverständlich sein, weil sie es ja heute in sehr vielen, sehr beliebten Büchern kennen, dass es nur so von Geistern, Dämonen, Königen und Herrschern wimmelt. Eigentlich merkwürdig modern: Diese Geschichte eines ‘Königs’, der erstmal überwältigt und getötet wird, und dessen ‘Geist’ sich dennoch über die ganze Welt ausbreitet.

 

Notker Wolfs neues Buch ist ein ambitioniertes Projekt: Es leistet die Revitalisierung der Evangelien mit dem Anspruch, das Evangelium des 21. Jahrhunderts vorzulegen quellengetreu, modern und literarisch anspruchsvoll geschrieben, die Mythen und die Dramatik des frühen Christentums neu belebend.

 

Über die Autoren:

Notker Wolf

Abtprimas Notker Wolf, geboren 1940, trat 1961 in das Benediktinerkloster St. Ottilien ein. Er studierte in Rom und München Philosophie, Theologie, Zoologie, Anorganische Chemie und Astronomiegeschichte und promovierte zum Doktor der Philosophie. 1968 wurde er zum Priester geweiht. Nach einer sechsjährigen Professur für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Päpstlichen Hochschule Sant’Anselmo in Rom wurde Abtprimas Notker Wolf 1978 Erzabt von St. Ottilien und damit Abtpräses der Missionsbenediktiner. Im Jahr 2000 wurde er zum Abtprimas und damit zum obersten Repräsentanten der Benediktiner gewählt. Er ist weltweiter Sprecher des ältesten Ordens der Christenheit. Abtprimas Notker Wolf lebt in Rom und ist Bestsellerautor.

Als Notker Wolf in St. Ottilien sein silbernes Abtjubiläum feierte, überraschte der Benediktiner-Mönch viele Gäste an der E-Gitarre – mit einem Live-Auftritt seiner Rockband „Feedback“. Seine Büchers sind inP lädoyer für eine immer neue und mutige Sicht auf die Dinge.  (Uns Deutsche empfindet er übrigens als ein ‘sonderbares Volk’.

Abtprimas Notker Wolf, weltweit oberster Repräsentant der Benediktiner, ist sich sicher, dass der Glaube Flügel verleihen kann. Beim Glauben, schreibt er, gehe es „keineswegs nur um die Tatsache, dass man nach dem Tod in den Himmel kommt“. Der Glaube mache jetzt reich, „mitten im Leben“. Warum aber tun sich heutzutage viele so schwer mit dem Glauben?

Leo G. Linder

Leo G. Linder, geboren 1948, studierte ab 1970 Film und Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf sowie Geschichte und Spanisch an der Universität Düsseldorf. Von 1977 an arbeitete er als Kameramann, wechselte 1985 zur Regie und drehte zahlreiche Dokumentarfilme. 1990 erschien sein erstes Buch, dem weitere zu theologischen, historischen und politischen Themen folgten, dazu etliche Reise- und Jugendbücher. Leo G. Linder lebt als Regisseur und Autor in Düsseldorf.